Der National Health Service in Großbritannien eröffnet im kommenden Monat die erste Klinik, welche sich auf Gaming- und Glücksspielsucht bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. In Großbritannien hofft man so der steigenden Online- und Spielsucht unter Kindern von 11 bis 16 Jahren entgegentreten zu können.

Logo des NHSDie UK Gambling Commission hatte in einem Bericht veröffentlicht, dass rund 55.000 der 11- bis 16-jährigen Briten als spielsüchtig gelten. Die meisten beginnen wohl mit recht harmlosen Online Games, bevor sie sich dem Glücksspiel zuwenden.

Der National Health Service ist das öffentlich finanzierte nationale Gesundheitssystem in Großbritannien. Als Teil des National Centre for Behavioral Addictions wird im nächsten Monat eine neue Klinik eröffnet, die sich auf die Therapie von Spielsucht bei Kindern und Jugendlichen von 13 bis 25 Jahren spezialisiert hat. Dabei geht es zum einen um Videospielsucht, aber auch um die Glücksspielsucht.

Wie sieht der Service der neuen Klinik aus?

Die Bekämpfung von Online Spielsucht steht bei der neuen Londoner Klinik im Vordergrund. Dabei möchte man Videospielsucht und Social Media Sucht genauso behandeln, wie auch die Glücksspielsucht. Den Patienten kann in London persönlich, oder auch kostenlos via Skype-Gespräche geholfen werden. Psychologen, Therapeuten und weiteres ärztliches Personal wird mit den Patienten zusammenarbeiten, um die Sucht hoffentlich zuverlässig zu bekämpfen.

Zusätzlich sollen 14 kleinere Kliniken im gesamten Land ebenfalls die Therapie von Spielsucht anbieten. Derzeit gibt es Berichte von Fällen, dass Betroffene mehr als 12 Stunden ihre Online-Sucht am Stück ausleben und dabei zunehmend sozial isoliert werden. Insgesamt ist es aber noch nicht so ein großes Problem wie in Asien. In Südkorea gibt es beispielsweise ein Verbot, dass unter 16-Jährige nicht nach Mitternacht online spielen dürfen – zum Schutz der Jugendlichen. 

Direktor kritisiert private Glücksspielanbieter

Simon Stevens ist Direktor des National Health Service. Er kritisierte die privaten Glücksspielanbieter relativ hart, da sie Kasse machen würden, während immer mehr Jugendliche der Sucht verfallen. Aus seiner Sicht müsse das staatliche Gesundheitssystem die Menschen auffangen, deren Leben von einer Sucht zerstört werde.

Er stellte sogar Forderungen, dass Anbieter von Online Casinos, Sportwetten, anderer Glücksspiele und Social-Media-Plattformen mit Casinospielen eine Abgabe oder Steuer mit dem Namen „Mental Health Levy“ zahlen sollten. Damit sollen die sozialen Kosten für die Folgen der exzessiven Onlineaktivitäten finanziert werden. Stevens sagte gegenüber dem Daily Telegraph:

Die Spiele- und Internet-Firmen haben eine Verantwortung für ihre Nutzer, wie für ihre Aktionäre und sollten alles unternehmen, obsessives oder schädliches Verhalten zu verhindern statt noch damit Kasse zu machen.

Der NHS verweist im Übrigen auf die WHO, welche die Videospielsucht im letzten Jahr als Krankheit unter der Rubrik Glücksspielsucht eingestuft hatte, auch wenn diese Entscheidung nicht unumstritten war.

Social-Media-Plattformen ermöglichen das Schalten von Glücksspielwerbung für Jugendliche

Die Danish Broadcasting Cooperation hatte in der letzten Woche herausgefunden, dass Facebooks Werbe-Tool 740.000 Kinder und Jugendliche als interessiert an Glücksspiel markiert hatte. 940.000 Minderjährige wurden als interessiert an alkoholischen Getränken gekennzeichnet. Anhand des Nutzerverhaltens erstellt das Tool automatisch, woran die Nutzer Interesse haben. Dadurch sollen Werbetreibende die Möglichkeit haben, gezielt Werbung für „ihre Zielgruppen“ einblenden zu können.

In der Vergangenheit gab es des Öfteren Kritik an dem automatischen System, da der Kinder- und Jugendschutz nicht im ausreichenden Maße beachtet würde. Facebook kommentierte den Fall lediglich relativ schlicht:

Wir erlauben keine Werbeanzeigen, die den Verkauf von Alkohol oder Glücksspielen an Minderjährige auf Facebook fördern, und gehen auch dagegen vor, wenn wir so etwas entdecken. Wir arbeiten zudem eng mit den Aufsichtsbehörden zusammen, um Marketingfachleuten Anleitungen zu geben, damit sie ihr Publikum effektiv und verantwortungsbewusst erreichen können.

Computersucht ist ein unterschätztes Problem

2016 hatten Psychologen der Universität Oxford eine Studie erhoben, die zeigt wie weit die Videospielsucht in Großbritannien verbreitet ist. Sie untersuchten Personen im Alter von 18 bis 24 Jahren, wobei nur 2,6% Anzeichen von „Gaming Disorder“ aufwiesen. Wenn man diesen Wert auf die gesamte Bevölkerung hochrechnet, kommt man ebenfalls auf mehrere zehn- bis hunderttausend betroffene Jugendliche in Großbritannien.

Claire Murdoch ist NHS-Direktorin für mentale Gesundheit und findet solche Zahlen alarmierend. Internetsucht ist für sie ein Problem, welches nicht einfach so verschwindet. Die Ärzte und Mitarbeiter des NHS wollen sich dem Problem stellen, allerdings sieht sie auch die Internetkonzerne und Spieleherstellern in der Pflicht.

Zwar würde die Spieleindustrie den Vorwürfen immer wieder entgegenhalten, dass die meisten Nutzer keine Probleme hätten. Sicherlich ist auch richtig, dass Millionen von Nutzern Spaß am Spielen und keine gesundheitlichen Probleme hätten. Es gäbe aber einige Fälle in denen Online-Spiele exzessiv in Anspruch genommen werden.

Nachfrage nach Spielsucht nimmt zu

In der Vergangenheit wurde die NHS kritisiert, da man keine spezialisierten Kliniken für das Problem Spielsucht für Kinder und Jugendliche unterhalten hätte. Bisher mussten Betroffene teilweise in die Niederlande zu spezialisierten Kliniken reisen.

In Nordbrabant gibt es die Klinik „Yes We Can“. Sie bot als erste Kinderklinik Drogen- und Spielesucht-Therapien an. Gründer war Jan Willem Poot, der früher selbst Suchtprobleme hatte. Er merkt, dass die Nachfrage nach Spielsuchttherapien deutlich zunimmt. Letztes Jahr hatte er fast 100 Patienten. Teilweise habe er Extremfälle, bei denen Jugendliche 19 Stunden lang gespielt und das Essen sowie Schlafen vernachlässigt haben.

Aus seiner Sicht hat sich die Art der Spiele durch das Internet und Virtual Reality stark verändert. Das Suchtpotenzial der neuen Spiele ist seiner Meinung nach deutlich größer. Poot drückte es wie folgt aus:

Videospiele gibt es schon sehr mehr als zwanzig Jahre, aber die Leute hatten nie eine Tetris-Abhängigkeit oder Sucht nach Super Mario.

Die UK Addiction Treatment Centers haben in 7 Einrichtungen einen Anstieg für Nachfragen nach Suchttherapien verzeichnet. Die neue Klinik, welche im nächsten Monat eröffnen soll, hat bisher 45 Anmeldungen. Die Hilfsorganisation Games Quitters hatte bekannt gegeben, dass sie im Monat 10.000 Anfragen aus dem ganzen Land erhalten.

Cam Adair war in der Vergangenheit von Spielsucht betroffen und hat die Organisation Game Quitters gegründet. Er habe in der schlimmsten Zeit sogar Selbstmordgedanken gehabt. Er ist der Meinung, dass man zunächst eine Abstinenzphase von 3 Monaten benötigt, damit man langsam eine Besserung der Gesundheit verspürt.

Wenn die Schulnoten von Jugendlichen sich stark verschlechtern und sich die Interessen an Aktivitäten verlieren seien erste Anzeichen einer Spielsucht erkennbar. Wenn sie sich dann mehr zurückziehen und die Online-Aktivitäten immer wichtiger werden, seien es eindeutige Indikatoren für eine Spielsucht.

Die Videospielindustrie ist jedoch relativ mächtig und eine florierende Industrie. Weltweit wurden durch Videospiele 2018 mehr als 80 Milliarden Dollar umgesetzt – davon 5 Milliarden auf dem UK-Markt und 3 Milliarden auf dem deutschen Markt. Daher ist es aus Sicht der Forscher schwierig Studien gegen die Industrie zu erheben.

Ist Spielsucht in Deutschland unter Jugendlichen ein Thema?

In Deutschland gibt es ebenfalls Untersuchungen zur Spielsucht im Bereich Videospiele. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der Krankenkasse DAK mit 1.000 Teilnehmer zwischen 12 und 17 Jahren hatte erkannt, dass bis zu 465.000 Kinder und Jugendliche ein problematisches Verhalten zeigen, was bis zur Computersucht gehen kann. Bei etwa 12% gab es Anzeichen für ein riskantes Spielverhalten, bei 3% wurde das Verhalten als krankhafte Sucht eingeschätzt.  

Videospielsucht kann im späteren Leben auch zur Glücksspielsucht führen. Nicht nur, dass Videospiele Glücksspielelemente beinhalten, Apps wie Coin Master machen es sogar offen zum Hauptbestandteil des eigentlichen Spiels.

In Deutschland ist das Thema zwar noch nicht so präsent wie in Großbritannien, aber langsam werden auch hierzulande um Glücksspielelemente in Videospielen Diskussionen geführt. Es zeigt sich auch hier einmal mehr, dass Großbritannien beim Thema der Spielsucht unter Jugendlichen und Kindern eine Vorreiterstellung einnimmt.

Bildquelle: AdobeStock  270849248, Emotional teenager winning computer game, inadequate emotional reaction, addict ©motortion 

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