Am 1. Juli 2021 ist bundesweit der neue Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) in Kraft getreten. Während viele Glücksspielanbieter zu strenge Vorgaben im Spielerschutz bemängeln, beklagen Suchtexperten massive Defizite bei der Umsetzung und Kontrolle der Maßnahmen. Ein aktueller BR Podcast zieht eine verheerende Bilanz nach drei Monaten GlüStV.

Der vom Bayerischen Rundfunk (BR) veröffentlichte Podcast „Der Funkstreifzug“ zieht drei Monate nach dem Inkrafttreten des neuen GlüStV eine verheerende Bilanz. Im Podcast spricht der BR Redakteur Sebastian Krause unter anderem mit der Leiterin einer Spielsuchtberatung sowie mit der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU). Außerdem kommt im Podcast ein junger Mann zu Wort, der eigenen Angaben zufolge seit längerer Zeit spielsüchtig ist und bereits 200.000 Euro verspielt hat. Der komplette BR Podcast (ca. 13 Minuten) kann hier abgerufen werden.

Spielsuchtexpertin ist enttäuscht

Im BR Podcast bezeichnet die Spielsuchtexpertin Gunhild Scheidler die bisherige Umsetzung des GlüStV als „fragwürdig und enttäuschend“. Nach den jahrelangen Verhandlungen und Abstimmungen hätte Scheidler sich ein besseres Ergebnis gewünscht. Sie führt im Podcast beispielsweise mit Blick auf den Glücksspielgiganten bwin aus:

„Ich musste also, um zur Sperrmöglichkeit zu kommen, erstmal sämtliche Wettangebote durchscrollen, was für die Spieler schon mal eine Riesengefahr ist, weil das dann einfach so einen Spielwunsch auslösen kann.“

 Auch die Drogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) ist mit der aktuellen Umsetzung des neuen Glücksspielstaatsvertrags noch nicht zufrieden. So weist Ludwig beispielsweise auf die mangelnde Kontrolle der Glücksspielanbieter bei der Erfüllung der Vorgaben zum Spielerschutz hin:

„Man hat sich ja auf eine Aufsichtsbehörde verständigt, die man einrichten möchte. Und diese Aufsichtsbehörde gibt es schlicht und ergreifend noch nicht. Das heißt, man vergibt jetzt Lizenzen für das Online-Glücksspiel, überprüft aber nicht, ob diejenigen, die die Lizenzen bekommen, auch sämtliche Voraussetzungen erfüllen."

 Im weiteren Verlauf des Podcasts vermutet die Drogenbeauftragte Ludwig, dass die „Einhaltung der Vorschriften bis dato vermutlich gar nicht kontrolliert wird“. Bereits im März dieses Jahres berichteten wir davon, dass die bundesweite Glücksspielbehörde nach Halle (Saale) kommen wird. Bis heute ist die Behörde aber noch nicht voll arbeitsfähig, da sie sich noch im Aufbau befindet. Erst zum 1. Januar 2023 soll es eine umfassende Kontrolle und Aufsicht durch die bundesweit zuständige Glücksspielbehörde in Sachsen-Anhalt geben.

Ein Glücksspielanbieter äußert sich auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks selbst besorgt über die aktuelle Entwicklung im Online-Glücksspielbereich.

„Mit Sorge betrachten wir, dass es in Deutschland nach wie vor viele Angebote gibt, die die neuen Bestimmungen vollkommen ignorieren und gegen die behördlich nicht vorgegangen wird, einschließlich zahlreicher Sportwettenangebote, die auch weiterhin ohne Konzession in Deutschland anbieten. Das führt zu einer Zweiteilung des Marktes mit vermeintlich für die Kunden attraktiveren illegalen Angeboten und dazu, dass das Ziel einer Kanalisierung des Spiels hin zu lizenzierten Anbietern nicht wie vom GlüStV bezweckt, funktioniert."

 Ebenfalls zu Wort kommt im BR Podcast ein Bundeswehrsoldat, der bereits mehrere Auslandseinsätze in Afghanistan hinter sich hat. Er wurde eigenen Angaben zufolge im Sommer 2019 spielsüchtig und hat seither auf verschiedenen Seiten mehr als 200.000 Euro verspielt. Mittlerweile ist der Soldat spielfrei, worauf er sehr stolz ist:

„Ich habe am 29. Juni erfolgreich die Sucht- und Entwöhnungstherapie abgeschlossen und bin seither auch weiterhin in ambulanter Behandlung im Sinne von Selbsthilfegruppen und einer Suchtberatungsstelle, die ich einmal die Woche anlaufen kann und dort ein Einzelgespräch habe. Natürlich hatte ich jetzt ein, zwei Situationen, stressbedingt und durch die Wiedereingliederung, dass ich jetzt doch wieder hätte spielen wollen.“

Fazit

Drei Monate nach dem Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV) sind sowohl Glücksspielanbieter als auch Suchtexperten mit der Situation sehr unzufrieden. Während die Glücksspielanbieter bemängeln, dass es nach wie vor zahlreiche Anbieter gibt, die sich nicht an die neuen Vorgaben des GlüStV halten, bemängeln die Suchtexperten, dass die Vorgaben zu lasch sind und von der neuen Behörde bislang noch nicht kontrolliert werden. Man darf gespannt sein, ob die Glücksspielaufsichtsbehörde in den kommenden Monaten bereits voll arbeitsfähig sein wird und ihrer Aufgabe nachkommen wird.

Quelle des Bildes: https://pixabay.com/de/photos/mikrophon-audio-computer-338481/

Du hast Fehler in unseren Daten entdeckt?

Um einen Fehler zu melden musst du dich zuerst bei GambleJoe .

Wie gefällt dir der Artikel?