In Großbritannien gibt es neue Diskussionen um den Spielerschutz und welche Maßnahmen vielleicht zusätzlich ergriffen werden sollten. Die Eltern von Joshua Jones, einem 23-jährigen Briten der 2015 aufgrund der Spielsucht das Leben nahm, kämpfen weiter für strengere Glücksspielgesetze und versuchen dabei auch Politiker auf ihre Seite zu ziehen.

Am 30. Juni 2015 stürzte sich der 23-jährige Buchhalter Joshua Jones aus dem 9. Stock eines Londoner Wolkenkratzers. In der Presse wurde es als „Tod aus Schande“ betitelt. Der junge Mann hatte 30.000 Pfund (rund 35.000€) Spielschulden durch Online Glücksspiel und konnte sein Spielverhalten nicht mehr kontrollieren.

In einer letzten E-Mail an seine Mutter Kim Jones, die mit dem Titel „Panikattacken“ versehen war, führte er aus, wie unkontrolliert sein Verhalten geworden ist. Danach nahmen die Überwachungskameras des PricewaterhouseCoopers International Gebäudes auf der Londoner South Banks auf, wie er starb.

Seitdem kämpfen die Eltern für schärfere Gesetze in Sachen Spielerschutz. Sie fordern, dass die Glücksspielanbieter endlich ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden. Jetzt haben sie einen Abgeordneten gefunden, der ihre Geschichte aufgreift.

Was hat es mit dem Fall Joshua Jones auf sich?

Joshua Jones stammte aus Swindon, einer Stadt etwa 130 Kilometer westlich von London. Laut seinem Vater Martin Jones war er ein talentierter Hockey Spieler und Musiker. Er studierte an der Surry University, einer staatlichen Universität in Guildford. Während seines Studiums hatte er bereits Probleme mit dem Glücksspiel – sein Studentendarlehen hatte er in Sportwetten investiert. Die Eltern übernahmen die Kontrolle über seine Finanzen und teilten ihm regelmäßig ein „Taschengeld“ zu. Die Folge war, dass Josh Zahltagdarlehen zu schlechten Zinssätzen annahm.

Nachdem er sein Studium absolviert hatte, bekam er einen Job bei PricewaterhouseCoopers International (PwC), einer der renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt. Angeblich liebte er seine Arbeit und fand auch viele Freunde im Unternehmen. Trotzdem führte er sein „Doppelleben“ als Spieler weiter und borgte sich von Banken oder Freunden Geld.

Er suchte auch professionelle Hilfe. Therapien gegen Spielsucht und sogar ein Hypnotiseur hatte er ausprobiert. Nach den Sitzungen hatte er sein Spielverhalten trotzdem nicht unter Kontrolle.

Joshua lebte im Londoner Stadtteil Clapham (im Südwesten der Hauptstadt). Er beschrieb wohl seinen Eltern, wie er zitternd auf dem Bett saß, weil er versuchte, dem Drang nach der Platzierung einer Wette auf dem Smartphone zu wiederstehen. Er wollte dennoch, dass seine Spielsucht vor seinem Arbeitgeber unbedingt geheim blieb. Sein Vater beschrieb es wie folgt:

Er bat uns, PwC nicht von seinem Glücksspiel zu erzählen. Er führte ein Doppelleben. Mit seinen Hockey- und Musikfreunden war er das Leben und die Seele einer Party. Wir und einige enge Freunde wussten die Wahrheit.

Von den Selbstmordgedanken hatten jedoch weder die Familie noch die Therapeuten eine Idee. Trotzdem kam der Gerichtsmediziner zu dem Schluss, dass es Selbstmord gewesen sein muss. In seinem Organismus wurden keine Rückstände von Drogen oder Alkohol gefunden. Shanta Deonarine hatte die Untersuchungen durchgeführt und sagte gegenüber dem Gericht:

Joshua Jones litt an einer Spielsucht, er hatte einige finanzielle Probleme. Ich bin sicher, dass er sich das Leben genommen hat.

Eltern fordern Maßnahmen zur Verhinderung eines solchen Vorfalls

Die Eltern sind der Meinung, dass durch Anpassungen der Selbstausschluss-Systeme solche Probleme hätten vermieden werden können. Sie sind der Meinung, dass die zeitlichen Grenzen beim Selbstausschluss ein großes Problem darstellen. Ein Spieler müsse sich dauerhaft und auf Lebenszeit sperren lassen können.

Viele Glücksspielanbieter lassen wohl für UK Spieler lediglich eine Sperre von 6 Monaten über das Profil einstellen – hier sollte es laut Aussage der Eltern auch einen Ausschluss für immer geben. Von Spielsucht Betroffene seien ihr ganzes Leben lang süchtig, daher müsse der Selbstausschluss auch ein Leben lang gelten.

Insgesamt muss man an dieser Stelle sagen, dass sich in Sachen Spielerschutz in Großbritannien viel getan hat. Mittlerweile müssen allen Betreiber mit Glücksspiellizenz der UK Gambling Commission das GAMSTOP-System integriert haben. Dafür muss man sich auf der Webseite mit seinen persönlichen Daten anmelden und kann sich dann für 6 Monate, 1 Jahr oder 5 Jahre sperren lassen.

Dennoch bleibt auch hier der Punkt, dass es keine lebenslangen Sperren gibt. Auf der anderen Seite muss sich ein Spieler erst einmal für eine lebenslange Sperre entscheiden, was für die meisten ein relativ großer Schritt sein wird.

Abgeordneter spricht sich für stärkeren Spielerschutz aus

Knapp 4 Jahre nach dem Tod, hat Abgeordneter Richard Graham aus Gloucester, den Fall der Familie noch einmal aufgenommen. In einer Debatte in der Westmister Hall in der letzten Woche brachte Richard Graham verschiedene Ideen für eine Verbesserung des Spielerschutzes ein.

Neben einem Verbot von Glücksspielwerbung beziehungsweise Anzeigen bei Sportveranstaltungen plädierte er vor allem für eine obligatorische Abgabe durch Glücksspielunternehmen zur sozialen Verantwortung. Die britische Suchtorganisation GambleAware solle damit gestärkt werden.

Seit 2007 haben Online Casinos und Sportwettenanbieter freiwillig einer Abgabe von 0,1% der Umsätze an Wohltätigkeitsorganisationen zugestimmt. 2017 verfehlten sie jedoch das sich selbstgesetztes Ziel von 10 Millionen Pfund. Das Verfehlen der Abgabe führte zu neuen Rufen nach Regulierung der Branche. Richard Graham fordert deshalb:

Von allen Glücksspielunternehmen möchte ich eine 1%-Abgabe sehen, die etwa 100 Millionen Pfund pro Jahr einbringen soll. Das Geld kann genutzt werden, um gute unabhängige Forschung zu betreiben, tatsächlich einen Beitrag zu den Rehabilitationskosten leisten und zur Befreiung der Menschen von der Sucht beitragen.

Keine guten Studien zur Auswirkung von Spielsucht – keine Studie zu Suizid

Es gibt keine wirklich umfangreichen Studien zur Spielsucht, der Wirksamkeit von Spielerschutzmaßnahmen oder zu Spielsucht und Suizid. Im Bereich Selbstmord und Spielsucht hatte letzte Woche ein schwedische Untersuchung neue Aspekte gebracht. Akademiker der Lund University in Schweden hatten rund 2.000 Menschen mit Glücksspielproblemen befragt. Am Ende kam heraus, dass Menschen mit Spielsuchtproblem 15-mal mehr selbstmordgefährdet sind, als normale Spieler.

Zwar seien die Probleme, die zum Selbstmord führen, immer sehr komplex, dennoch zeigte die Studie, dass Spielstörungen mit weit überdurchschnittlichen Suizidraten verbunden waren.

Wenn man diese Daten auf Großbritannien anwendet, würden 550 Selbstmorde pro Jahr wegen Spielsucht passieren. Das sind mehr als 10 pro Woche. Tracey Crouch ist ehemalige Sportministerin und zurückgetreten, da es Verzögerungen bei der Umsetzung der FOBT-Begrenzungen gab (Spielautomaten bei Buchmachern die auf 2 Pfund je Spielrunde begrenzt werden sollen).

Sie hatte damals eine Glücksspielstudie aus Hongkong von 2010 bemüht und kam zu dem Schluss, dass 2 Selbstmorde an jedem Werktag mit Glücksspiel zusammenhängen. In der Vergangenheit hatte die Verwendung der Studie immer für Kritik gesorgt, da es eine sehr kleine Studie war und der Glücksspielmarkt Hongkongs deutlich größer ist.

Im Gegensatz dazu ist die schwedische Studie umfangreicher, bildete einen Zeitraum von mehreren Jahren ab und die Spielsuchtrate ist in Schweden und in Großbritannien mit knapp 0,5% vergleichbar.

Es zeigt aber einmal mehr das Problem, aussagekräftige Studien zu finden, wenn es um Glücksspiel und Selbstmord geht.

Ansonsten wird vor allem im deutschsprachigen Raum eine Studie der Georgetown University von dem Psychologen Fathali M. Moghaddam erwähnt. Er hatte Untersuchungen zum Suizid durchgeführt. Er kam durch Umfragen in Amerika zu dem Schluss, dass 49% der Spielsüchtigen auch bereits einmal Selbstmordgedanken hatten. 17% hätten sogar bereits versucht sich selbst umzubringen. Am Ende resümierte er, dass Spielsüchtige 2,5-mal stärker selbstmordgefährdet sind als Menschen ohne Probleme mit dem Glücksspiel.

Größere Budget für Forschung vielleicht hilfreich

Es wäre vielleicht hilfreich, wenn die Glücksspielunternehmen GambleAware oder anderen Projekten mehr Geld für die Prävention von Spielsucht bereitstellen würden. So kann bessere Forschung finanziert werden und vielleicht gibt es dann verlässliche Studien zum Glücksspiel und möglichen Problemen (wie Selbstmord).

Letztlich hatte ich bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass es zwar viele Optionen im Bereich Spielerschutz gibt, aber die Maßnahmen letztlich nie auf die Bedeutung unter Spielern geprüft wurden. Bessere Forschung in diesem Bereich würde zu einem besseren Verständnis von Spielsucht und den daraus entstehenden Problemen führen.

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