In Deutschland versuchen verschiedene Interessenverbände, seit Jahren die Werbung für Glücksspiel einzudämmen. Die Corona-Krise hat dafür gesorgt, dass die Vertreter der deutschen Glücksspielbetreiber mehr Gehör finden. Erste Landesmedienaufsichten haben sogar bereits Untersagungsverfügungen gegen Glücksspielwerbung mit Schleswig-Holstein-Lizenz erlassen.

Während der Corona-Pandemie gab es wieder vermehrt Glücksspielwerbung für Online Casinos. Die meisten Anbieter nutzen dabei ihre Schleswig-Holstein Lizenz, um für ihre Webseiten werben zu dürfen. In den Spots sieht man immer den Hinweis, dass sich das Angebot ausschließlich an Spieler aus Schleswig-Holstein richtet.

Die Anbieter werben mit “.de”-Seiten, betreiben aber meist eine “.com”-Seite mit maltesischer Lizenz. Man setzt damit auf sogenannte Marken-Werbung und hofft, dass die Kunden den Namen der Webseite einfach über eine Suchmaschine eingeben. Die Suchmaschinen zeigen die „.com“-Seite in der Regel eher an, sodass die meisten Deutschen das entsprechende Glücksspielportal finden, auf dem sie auch spielen können.

Nach mehreren Diskussionen hat die Landesmedienanstalt entschieden, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Es wurden gegen zwei Glücksspielbetreiber mit Schleswig-Holstein Untersagungsverfügungen erlassen.

 

Ein bekanntes Thema kehrt zurück in den Fokus

Damit kocht ein Thema hoch, was bereits Anfang 2019 für Schlagzeilen gesorgt hatte. Damals hatten die Medienaufsichten die TV-Sender darauf hingewiesen, dass Glücksspielwerbung für Online Casinos in 15 von 16 Bundesländern verboten sei und sie es bei der Programmausrichtung auch berücksichtigen müssten. Damals war die Lage aber noch problematischer, da die ausländischen Anbieter mit einer Lizenz von Schleswig-Holstein geworben haben, die nicht mehr gültig waren.

Im März 2019 hatte man sich in der Ministerpräsidentenkonferenz auf die Regulierung von Sportwetten ab 2020 geeinigt und eine Lizenzierung von Online Casinos ab 2021. Bis dahin sollte Schleswig-Holstein den Sonderweg mit der eigenen Glücksspiellizenz weitergehen dürfen. Bedingung war jedoch, dass man sicherstellt, dass die Glücksspielbetreiber nur im eigenen Bundesland werben und die Werbung verhältnismäßig ist.

Exkurs: Sind alle Online-Glücksspielangebote illegal?

Man muss beim Glücksspiel in Deutschland zwischen dem regulierten (Spielbanken, Spielhallen, Lotto und Online Casinos in Schleswig-Holstein), dem nichtregulierten (Online Casinos mit EU-Lizenz, Sportwettenanbieter sowie Wettbüros) und dem illegalen Glücksspielmarkt unterscheiden.

Der regulierte Glücksspielmarkt wird durch den aktuellen Glücksspielstaatsvertrag geregelt. Spielbanken und Spielhallen müssen sich an die gesetzlichen Vorgaben halten und zudem Steuern oder Glücksspielabgabe entrichten.

Zu dem nichtregulierten Glücksspielmarkt gehören Online Casinos, Online Sportwetten und Wettbüros ausländischer Unternehmen. Sie berufen sich auf die europäische Dienstleistungsfreiheit, um Glücksspiel anzubieten. Für deutsche Spieler führen die Unternehmen Mehrwertsteuer an den deutschen Staat ab, somit kann man die Umsätze in dem Bereich auch relativ gut berechnen.

Illegales Glücksspiel wird von Webseiten oder Betreibern ohne europäische Glücksspiellizenz angeboten. Webseiten mit kanadischen Lizenzen, Konzessionen aus Montenegro oder komplett ohne Glücksspiellizenz gehören in diesen Bereich. Hier werden keine Steuern abgeführt, der Umsatz deutscher Spieler in diesem Bereich ist nur geschätzt.

 

Kritik an Glücksspielwerbung von allen Seiten

Während der Corona-Krise und dem Lockdown wetterte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, gegen das Online-Glücksspiel und die Werbung:

Auf Kosten von suchtkranken Menschen Profit zu machen, geht gar nicht!

In ihrer Argumentation griff sie dabei auf, dass Glücksspielwerbung derzeit gefährlich für die Bevölkerung sei. Die meisten würden alleine im Homeoffice, oder den ganzen Tag mit der Familie Zuhause sein. Die verunsicherten Bürger würden wegen der weitläufigen Ausgangsbeschränkungen schutzlos der Werbung ausgeliefert sein. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung forderte von TV-Sendern und Medienaufsicht, diese Situation zu beenden.

Der Vorstandssprecher des Verbandes Deutsche Automatenwirtschaft, Georg Stecker, vertritt die deutsche Glücksspielindustrie. Er sah die wachsende Aktivität auf dem Online-Glücksspielmarkt darin begründet, dass die staatlichen Spielbanken und Spielhallen während des Lockdowns geschlossen waren. In der Regel würden sie das natürliche Spielbedürfnis der Bürger stillen. Durch das Schließen der Glücksspielstandorte hat sich in der Folge ein Nachfrageüberhang gebildet, der von den Online Casinos bedient wurde und teilweise immer noch bedient wird.

Der Bundesverband deutscher Glücksspielunternehmen gab ebenfalls an, dass man eine Zunahme des Online-Glücksspiels wahrnehme. Zudem habe in der Krise die Werbung für das Online-Glücksspiel zugenommen. Anbieter wie Hyperino oder Wunderino haben mit ihren Schleswig-Holstein-Lizenzen bundesweit TV-Werbung geschaltet. Andere Online Casinos wie Wildz, Vera&John oder Mr Green haben dagegen eher auf Glücksspielseiten mit kostenlosen Games gesetzt. Letztlich soll auch das nur die Marke stärken, damit die Kunden über eine Suchmaschine zur eigentlichen Glücksspielseite geleitet werden.

 

Spielbankenverband kritisiert Online-Casino-Werbung mit harten Zahlen

Der Vorstandsvorsitzende des deutschen Spielbankenverbandes, Otto Wulferding, kritisierte jüngst die Werbung der Online Casinos im Fernsehen. Dabei hat er einmal vorgerechnet, wie groß die Zielgruppe der Spots in Schleswig-Holstein eigentlich wäre:

Die Online-Casinos instrumentalisieren Medien, um Spieler mit suggestiver Ansprache zu locken. Dabei geht der bei den TV-Spots eingeblendete Zusatz, dass nur Spieler mit gewöhnlichem Wohnsitz in Schleswig-Holstein in den beworbenen Casinos spielen dürfen, an der Wirklichkeit des Medieneinflusses vorbei. […] Werden TV-Werbeträger, die bundesweit ausstrahlen, nur für das Zielgebiet Schleswig-Holstein genutzt, bedeutet das – gemessen am jeweiligen Marktanteil – Werbung für eine 'legale' Zielgruppe von circa 85.000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren.

Für den Vorstandsvorsitzenden war die Schlussfolgerung aus der Berechnung offensichtlich. Die Online Casinos sind mit ihrer Fernsehwerbung nicht allein an den Spieler aus Schleswig-Holstein interessiert. Sie locken stattdessen bewusst Zuschauer aus allen deutschen Bundesländern auf internationale Domains, wo sie ihre Dienstleistung für den Großteil der Deutschen anbieten können.

Aus seiner Sicht ist es nicht fair, dass staatliche Spielbanken sowie Spielhallen nicht für ihr Glücksspiel werben dürfen, Online Casinos aber jederzeit Spots im TV platzieren können. Er forderte die Gleichbehandlung der verschiedenen Spielformen.

Landesmedienanstalt Saarland veranlasst Untersagungsverfügungen

Am 10. Juni 2020 wurde durch die Landesmedienanstalt Saarland verkündet, dass man als erste Glücksspielaufsichtsbehörde Untersagungsverfügungen gegen „zwei marktstarke Anbieter von Online-Casino-Spielen mit Lizenz des Landes Schleswig-Holstein“ erlassen hat. Es wurden nicht genannt, um welche Anbieter es sich genau handelt. Damit untersagt man den beiden Anbietern, im Saarland für das Glücksspiel zu werben. Die durch Schleswig-Holstein zugesagte Begrenzung der Werbung sei in der Praxis nicht erkennbar. Man bemerkte daher:

TV-Werbung für Spielmöglichkeiten bei diesen Online-Casinos findet in einer viel zu großen Anzahl privater TV-Programme statt – und dass auch zu Tageszeiten, in denen Kinder und Jugendliche besonders schutzbedürftig sind.

Als Grund für den Schritt hat die Direktorin der Landesmedienanstalt Saarland angegeben, dass man die Glücksspielsuchtbekämpfung in Zeiten von Corona durch die Werbung massiv gefährdet sieht. Zudem sollten schleswig-holsteinische Alleingänge nicht das Ziel des aktuellen Glücksspielstaatsvertrages boykottieren.

Ein Werbekanal wird geschlossen, aber neue Kanäle entstehen

Michael Barth ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes deutscher Glücksspielunternehmen e.V. Er sieht bereits jetzt, dass eine Verlagerung der Werbemaßnahmen ersichtlich ist. So seien Werbung auf Facebook sowie anderen sozialen Netzwerken, auf privaten Radiosendern und in Zeitungen bei Online Casinos derzeit hoch im Kurs. Nach seiner Meinung würden die Glücksspielanbieter zwei neue Kanäle öffnen, wenn ein Werbekanal geschlossen wird.

Während des Lockdowns hätte man ebenfalls gesehen, dass Sportwettenanbieter ihre Kunden zunehmend in die Online Casinos locken würden. Inwiefern diese Entwicklung von Dauer ist, ist bisher kaum absehbar.

 

Wie geht es weiter mit dem Online-Glücksspiel und der Werbung?

Der Glücksspielforscher Tilmann Becker von der Universität Hohenheim, kam zu dem Schluss, dass die Online-Glücksspielanbieter als Gewinner der Krise hervorgehen könnten. Der Wegfall von Sportwetten und staatlich lizenzierter Spielstätten würde Online Casinos derzeit stark begünstigen.

Durch die Corona-Krise könnten viele Leute aus den Spielotheken und Spielbanken in die Online Casinos gelangen. Ob diese Abwanderung von Dauer sein kann, wird sich in Zukunft zeigen. Wenn sich die Spieler an Vorzüge von Internetcasinos und vor allem die dortigen Spielautomaten von Play’n GO, NetEnt oder Big Time Gaming gewöhnen, könnte den Spielbanken und Spielhallen in Zukunft ein langanhaltender Schaden entstehen.

Die Interessensverbände der deutschen Glücksspielindustrie versuchen, mit dem Wettern gegen Werbung diese Abwanderung zu minimieren. Teilweise mag es ihnen vielleicht gelungen sein, aber letztlich kommt die Entscheidung der Landesmedienanstalt ein paar Wochen zu spät.

In Zukunft sollen Online Casinos, Online Sportwetten und Online Poker vom neuen Glücksspielstaatsvertrag 2021 reguliert werden. Dort ist auch ein Abschnitt zur Werbung vorgesehen. Werbende müssen sich dann an bestimmte Zeiten halten, in denen sie werben dürfen. Es bleibt jedoch abzuwarten, welche Regeln in der Endfassung enthalten sind und wie sie später umgesetzt werden.

Insgesamt kommt die Diskussion zum Thema Glücksspielwerbung und das Vorgehen der Landesmedienaufsichten viel zu spät. Wenn der Spieler- und Jugendschutz wirklich im Fokus stehen würde, hätte man bereits vor Jahren aktiv werden müssen. So ist es nur ein halbherziger Versuch und ein Tropfen auf dem heißen Stein.

 

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