Atlantic City hatte gerade erst die harten Jahre der Krise überstanden. Die Bruttospielerträge von allen Spielbanken der Stadt sind 2019 wieder gestiegen. Doch mit der Corona-Krise mussten die Spielbanken schließen. Die Angestellten wurden arbeitslos und stellen sich derzeit nach Lebensmittelpaketen an. Die Schlange war mehrere Kilometer lang.

Diese guten Aussichten sind erst einmal beendet. „Rien ne va plus“ – nichts geht mehr. Die Kessel der Roulette-Tische stehen genauso wie die Walzen der Spielautomaten seit dem 16. März 2020 still.

Am 22. April zog sich eine Schlange von Croupiers, Servicekräften aus den Spielbanken und vielen weiteren Angestellten durch die Stadt. Es war eine Auto-Schlange mit geöffneten Kofferräumen. Sie schlängelte sich an Kaufhäusern, Kinos, Möbelgeschäften und Autohändlern vorbei.

Die Angestellten der Casino-Resorts kamen zum eigentlich geschlossen Einkaufszentrum am Black Horse Pike, um gespendete Lebensmittel von der Community Food Bank in South Jersey abzuholen. Es waren die Arbeiter von großen Glücksspiel-Namen wie Harrahs, Ocean, Hard Rock, Tropicana und Borgata.

Die Lage von Atlantic City in der Vergangenheit

Atlantic City ist die funkelnde Glücksspielmetropole 200 Kilometer südlich von New York entfernt. Die Stadt in New Jersey ist nicht so berühmt wie Las Vegas. Man hat auch lediglich neun Spielbanken sowie „nur“ 27 Millionen Besucher pro Jahr.

Im Vergleich dazu hat Las Vegas laut der Las Vegas Visitors and Convention Authority mehr als 49,5 Millionen Besucher im Jahr. In der Wüstenmetropole gibt es 104 Glücksspielstandorte, die 2019 einen Bruttospielertrag von 6,587 Milliarden Dollar (rund 6,07 Milliarden Euro) erzielten. Das sind die offiziellen Zahlen des Nevada Gaming Control Boards.

Atlantic City kann von den Werten nur träumen. Zwar waren die Glücksspielerträge nie so ergiebig wie 2019, aber die Krise hat den Umsatz komplett ausbleiben lassen. Das letzte gute Jahr von Atlantic City war 2012. Die Bruttospielerträge überstiegen damals 3 Milliarden US-Dollar (2,77 Milliarden Euro). Von 2014 bis 2016 gab es einen brutalen Crash. Die Bruttospielerträge halbierten sich. 12 Casino-Resorts mussten geschlossen werden. 11.000 Jobs sind verloren gegangen.

2018 begann der Aufwärtstrend. 2019 konnte die New Jersey Division of Gaming Enforcement eine Umsatzsteigerung aller Glücksspielstandorte um 15% gegenüber dem Vorjahr verlauten lassen. Man konnte demnach 2019 einen Bruttospielertrag von 3,29 Milliarden Euro ausweisen (3,03 Milliarden Umsatz). Es sind die Gewinne der Casinos abzüglich der Auszahlungen an Spielern. Die Steuern sind dort noch nicht abgezogen.

1.500 Casino-Resort-Mitarbeiter erhalten 14-TageLebensmittelpaket

Am Ende waren ungefähr 1.500 Mitarbeiter der Casino-Resorts in der Lage, Essensrationen für 14 Tage sowie einige zusätzlichen Produkte wie Zwiebeln, Milch, Obst und Gemüse zu erhalten. Die Lebensmittelpakete wurden nach dem Vorzeigen der Casino-ID gewährt. Diego Ramirez war 15 Jahre Barkeeper im Borgata und beschrieb die Situation wie folgt:

Es ist eine kleine Hilfe. Ich hoffe nur, dass sich die Casinos schnell öffnen. Aber das wird schon.

Ein großes Problem ist wohl, dass viele Angestellte noch auf Arbeitslosengeld warten. Gouverneur Phil Murphy hat die Verzögerungen bei dem Arbeitslosengeld bestätigt und erklärt, dass diejenigen, die Anspruch haben, unabhängig von der Bearbeitung ihres Antrags die vollen Leistungen erhalten werden. Es gibt somit Casino-Angestellte, die seit 6 Wochen keinerlei Einkünfte mehr haben. Die meisten von ihnen warten auf knapp 600 Dollar (rund 553 Euro), welche der Staat ihnen zur Verfügung stellt. Es sind jedoch nicht alle zum Erhalt berechtigt.

Donna DeCaprio arbeitet für die Gewerkschaft Unite Here Local 54. Sie beschrieb die Situation der Mitglieder gegenüber der Presse so:

Viele von ihnen haben Probleme mit ihrer Arbeitslosigkeit. Sie haben noch kein Geld vom Staat bekommen. Sie kämpfen also wirklich darum, Essen auf den Tisch zu stellen.

Die Lebensmittelspenden wurden von der Community Food Bank of New Jersey (entspricht in Deutschland etwa der Tafel) und der Gewerkschaft Unite Here Local 54 bereitgestellt. Die Gewerkschaft repräsentiert rund 9.000 der 27.000 Angestellten in den Casinos des Landes.


Zwar hätten alle Angestellten einen Anspruch auf die Spende gehabt, man konnte aber nur 1.500 Menschen mit Lebensmittelpaketen versorgen. Die Pakete enthielten ungefähr 40 Nahrungssets. 300 weitere Angestellte haben noch einige wenige dringliche Produkte erhalten. Der Rest musste wieder abgewiesen werden, weil die Spenden aufgebraucht waren.

Corona ist schlimmer als alle anderen Katastrophen zuvor

Die Angestellten sind dabei schon mit diversen Problemen klargekommen. Im Laufe der Zeit gab es Insolvenzen, Schließungen, den Hurrikan Sandy (30. Oktober 2012) und die Wirtschaftskrise 2008 mit mehreren Entlassungswellen. Der Umsatzrückgang zwischen 2014 und 2016 sorgte ebenfalls für eine erhöhte Arbeitslosenrate und viele Streiks. Die Corona-Pandemie wird von den Angestellten dennoch als schlimmer empfunden. Brenda Ford hat bei der Verteilung der Lebensmittel geholfen. Sie beschrieb die Situation wie folgt:

Ich bin sehr nervös. Ich bin sehr besorgt. Das ist das Schlimmste. Es ist weitaus schlimmer als Sandy oder der Streik oder die Rezession im Jahr 2008. Dies ist schlimmer. Sie können Ihre Familie nicht sehen. Meine Mutter ist in einem Pflegeheim.

Die Community Food Bank schlägt Alarm. Der Bedarf in der Gemeinde ist enorm. Die Glücksspielindustrie ist die Lebensgrundlage für viele Menschen in der Region. Um ihnen in dieser Krise zu helfen, seien weitere Aktionen geplant.

Der Präsident der Gewerkschaft sieht ebenfalls eine viel größere Tragweite bei dieser Krise. Bisher habe keine Katastrophe, welche Atlantic City ereilt hat, eine gesamte Branche arbeitslos gemacht. Auf so etwas war man nicht vorbereitet.

Atlantic City von der Krise am stärksten betroffen

Atlantic County ist der Verwaltungsbezirk um Atlantic City. Laut einer aktuellen Wirtschaftsprognose der Stockton University wird der Verwaltungsbezirk am stärksten von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen sein.

Bis zu 5,1 Milliarden US-Dollar (4,7 Millionen Euro) könnten der lokalen Wirtschaft verloren gehen. Ein weiteres Problem ist, dass viele Angestellte der Casino-Resorts saisonabhängig beschäftigt werden. Somit haben sie nach amerikanischen Recht kein Anspruch auf Arbeitslosengeld. Aus dem Grund kommt der Gewerkschaftspräsident, Bob McDevitt, zu dem Schluss:

In diesem Moment denke ich, dass es der schlimmste Rückschlag ist. Im Moment scheint es schlimmer zu sein als alles, was jemals in meinem Leben passiert ist.

Die meisten Wohltätigkeitsorganisationen sprechen von einer Verdreifachung des Bedarfs an Spenden. Selbst wenn die Angestellten endlich wieder arbeiten dürfen, seien bis dahin viele Rechnungen aufgelaufen, welche sie bedienen müssen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Casino-Mitarbeiter werden demnach noch lange spürbar sein.

Atlantic City hat seine Wirtschaft ähnlich wie Las Vegas fast komplett auf die Vergnügungsindustrie und auf Touristen ausgerichtet. Neben Spielbanken, Hotels, Bars und Restaurants gibt es Vergnügungsparks, Theater und Kinos. Die Krise zeigt einmal mehr, wie schnell sich so eine einseitige Ausrichtung als Problem herausstellen kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Stadt in Zukunft breiter aufstellt, damit solche Schwierigkeiten den Einwohner der Stadt erspart bleiben.

Bildquelle: AdobeStock 94463616, Atlantic City, New Jersey ©f11photo

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