Die Wohltätigkeitsorganisation GamCare hat erneut vor einem großen Anstieg der Spielsucht bei Frauen gewarnt. Die Anzahl der von Spielsucht betroffenen Frauen nimmt derzeit in Großbritannien schneller zu als die Anzahl der Männer. Man stützt sich auf die Berichte der Beratungsangebote rund um das Glücksspiel und das pathologische Spiel.

GamCare LogoIn Großbritannien sind die Auswirkungen von Spielsucht ein großes Thema. Glücksspiel ist in der britischen Gesellschaft in weiten Teilen akzeptiert. Viele Briten wetten teilweise mit Kollegen im Alltag auf relativ herkömmliche Ereignisse. Teilweise nutzen Familien Wetten als Form der gemeinsamen Unterhaltung.

Zuletzt hatte die britische Glücksspielbehörde ein Verbot gegen Kreditkartenzahlungen beim Glücksspiel ausgesprochen, um die Risiken von Glücksspiel zu verringern. Derzeit warnen verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen um GamCare vor einer besorgniserregenden Zuwachsrate bei der Spielsucht von weiblichen Spielern.

Spielsuchtrate steigt bei Frauen um 35% innerhalb von 4 Jahren

Die Wohltätigkeitsorganisationen GamCare und Breakeven warnen bereits seit einiger Zeit vor einem Anstieg der Spielsucht bei Frauen. Sie hätten bei der Nutzung ihrer Beratungsangebote festgestellt, dass die Rate der weiblichen Patienten, die Angebote zur Bekämpfung von Spielsucht nutzen, deutlich schneller steigen, als es bei den Männern der Fall ist.

Laut GamCare ist die Anzahl der britischen Frauen mit pathologischem Spielverhalten von 2.303 in 2014/2015 auf 3.109 im Jahr 2019 gestiegen. Der Anstieg beträgt folglich 35%. Wenn man sich im Vergleich den Anstieg der Spielsucht im Bereich der Männer ansieht, stellt man fest, dass hier die Anzahl lediglich um 15% gestiegen ist.

Welche Gründe sieht GamCare für den Anstieg der Spielsucht bei Frauen

Laut GamCare ist für Frauen durch die Glücksspielangebote im Internet das Wetten einfacher geworden. Wenn sie vorher im Casino spielen oder beim Buchmacher wetten wollten, mussten sie in einen von Männern dominierten Bereich begeben. Im Internet sei es einfacher, da keiner zusieht. Außerdem müsse man nicht extra in ein Wettbüro oder ein Casino gehen. Es reicht das Aufrufen der Webseite über den Computer, das Tablet oder das Smartphone. Laut Umfragen von GamCare würden 70% der weiblichen Spieler hauptsächlich Internetwebseiten oder Apps zum Spielen nutzen.

Das neue „Women’s Programme“ von GamCare

Gleichzeitig hat GamCare Frauen mit problematischen Spielverhalten aufgerufen, an Umfragen des Projekts „Women’s Programme“ teilzunehmen. GamCare hat ein neues Programm für 1,9 Millionen Pfund Sterling (2,25 Millionen Euro) in die Welt gerufen. Es soll speziell auf Beratungsangebote für Frauen mit Spielsucht zugeschnitten sein. Man möchte ein Netzwerk aufbauen, durch das Spielerinnen schneller geholfen werden kann, wenn sie Probleme mit Spielsucht feststellen. Man möchte das ganze Land damit erreichen, daher sind Beratungsstellen in England, Schottland und Wales geplant.

In der Vergangenheit hatte man festgestellt, dass spielsüchtige Frauen das Beratungsangebot seltener in Anspruch nehmen als Männer. Sie würden Spielsuchtprobleme besser verstecken und ihnen fällt es auch schwerer über derartige Probleme zu sprechen. Aus dem Grund sei es immer noch wichtig, das Bewusstsein für das Problem von Spielsucht bei weiblichen Spielern zu schärfen.

GamCare betonte in der letzten Woche ebenfalls via Twitter, dass die Zeitung „The Guardian“ derzeit für eine Reportage an Erfahrungsberichten von spielsüchtigen Frauen interessiert sei. In der Vergangenheit hatte beispielsweise bei „My Name is …“ zuletzt eine 42-jährige Britin über ihre Erfahrungen mit der Spielsucht berichtet und dadurch das Bewusstsein für die Probleme geweckt.

The Guardian veröffentlichte Spielsuchtgeschichte von Nancy

In der vergangenen Woche hatte die Zeitung „The Guardian“ bereits die Geschichte einer Spielerin mit dem Namen Nancy veröffentlicht.

In einem Interview hatte sie Details über ihre 4-jährige Spielsuchtkariere bekannt gegeben. Am meisten habe sie dabei geschämt, dass sie 3.000 Pfund (etwa 3.550 Euro) von ihrem Vater verspielt hatte. Das Geld hatte er sich eigentlich für seine Beerdigung zurückgelegt. In dem Interview stellte sich daher relativ nüchtern fest:

Weibliche Spielsüchtige sind genauso schlecht wie Männer. Wir holen uns das Geld, wo immer wir es bekommen können, und setzen alles sofort aufs Spiel.

Verwundert war Nancy, dass niemand in ihrem Umfeld überhaupt einen Verdacht hatte, dass sie spielsüchtig ist. Sie erklärte ihre Sucht wie folgt:

Das Außergewöhnliche ist, dass während meiner Sucht niemand etwas vermutet hat. Ich habe jeden Tag stundenlang online gespielt. Ich setzte mich am frühen Abend mit meinem Telefon auf das Sofa und als nächstes war es 3 Uhr morgens. Ich hatte mich nur bewegt, um den gleichen Knopf immer wieder zu drücken und den Slot in Bewegung zu setzen. Aber mein Bankkonto war am Ende leer.

Nancy beschrieb, dass sie nicht  mit dem Wetten angefangen hätte, wenn sie dafür nicht die Chance heimlich auf dem Handy gehabt hätte. Am Ende besaß sie über 100 verschiedene Glücksspielkonten. Sie zog von einer Seite zur nächsten Glücksspielwebseite, wenn das Geld durchgelaufen war. Sie hatte 5 Kreditkarten, mehrere Kredite bei Banken und hochverzinste Zahltagdarlehen. Den Endzustand beschrieb sie wie folgt:

Ich war völlig versklavt vom Glücksspiel.

Sie suchte Hilfe, als sie insgesamt 75.000 Pfund (circa 88.600 Euro) verspielt und 25.000 Pfund (rund 30.000 Euro) Schulden hatte. Sie ist sich dabei sicher, dass kein rational handelnder Mensch sich ihre Probleme vorstellen kann:

Für einen vernünftig gesunden Menschen ist es unmöglich zu verstehen, aber ich war in dieser Blase und konnte nicht entkommen. […] Alles worüber ich nachdachte war: Glücksspiel und Rückzahlung meiner Schulden. Ich erinnere mich an einen Mittwoch, als ich von der Arbeit nach Hause kam und in der Küche weinte und zitterte, weil ich wusste, dass ich spielen musste. Ich war ein Sklave von jedem Spiel, welches ich spielte.

Nancy hatte keinerlei Anzeichen für Spielsucht gegenüber den Freunden oder Verwandten gezeigt. Bisher wissen viele enge Freunde nichts von ihren Problemen. Dem neuen Ehemann hat sie ebenfalls nichts davon berichtet. Rückblickend kann sie nicht erklären, was geschehen ist:

Ich bin eine sehr intelligente, vernünftige und fürsorgliche Person, daher ist es schwer zu sagen, warum ich das getan habe, was ich getan habe. Aber die Tatsache, dass es mir passieren kann, bedeutet, dass es jedem passieren kann.

Frauen spielen anders als Männer

Liz Karter ist eine Therapeutin, welche sich auf Spielsucht bei Frauen spezialisiert hat. Sie hat bei Treffen von Gamblers Anonymous festgestellt, dass Männer weibliche Spieler nicht als „richtige Spieler“ anerkennen. Sie würden es nicht wegen dem Risiko und den Gewinnen spielen, wie es bei den Männern der Fall ist. Für Frauen stehen die Flucht aus dem Alltag, der Abbau von Stress und das Ablenken als Hauptgründe für das Spielen fest.

Dr. Henrietta Bowden-Jones ist Gründerin und Direktorin der National Problem Gambling Clinic. Sie ist der Meinung, dass Frauen durch das Spielen Schmerzen lindern oder betäuben. Einige Frauen würden aus Trauer spielen. Andere fühlen sich von der Lebenssituation überfordert, weil sie beispielsweise einen geliebten Menschen pflegen. Nur die wenigsten Frauen würden Hilfe suchen, da sie Angst vor den Konsequenzen hätten. Die Angst vor dem Verlust der Kinder wird von den Spielsüchtigen häufig angeführt. Viele hätte auch Geld unterschlagen und fürchten das Gefängnis.

Den Erfahrungen der Experten nach fangen Frauen später an zu spielen als Männer. Die Probleme würden sich aber schneller entwickeln. Sie würden eher dazu neigen, schnelle High-Stakes-Spiele wie Online-Slots und Bingo zu wählen. Zumindest sind das die Auswertungen der Glücksspielberatungsstellen in Großbritannien. Dort wird es sicherlich noch viele Diskussionen um das Thema in nächster Zeit geben.

Bildquelle: AdobeStock 272422055, Upset woman in casino sitting behind poker table, ©alfexe 

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